Beginn: 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr
Eintritt: 18 €
Ort: Sandershaus, Sandershäuser Straße 79
Veranstalterin: Kulturfabrik Salzmann, Sandershaus
Bitte gehen Sie weiter, bitte bleiben Sie hier nicht stehen! Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung zelebrieren Urlaub in Polen eine in den Projektnamen gegossene Ästhetik des Vorübergehenden, der zeitlich begrenzten Erfahrung innerhalb eines kontinuierlichen Stroms aus neuen Eindrücken und sich im Reisegepäck ansammelnder Memorabilia. Nach längerer Pause erschien 2020 das Album All, an dessen verspulte Variante von Krautrock die Neuerscheinung Objects, Beings and Parrots einerseits anschließt, sich andererseits aber in bester eklektischer Tradition weiter in allerlei Genregefilde vortastet, ohne je den roten Faden zu verlieren. Multiinstrumentalist Georg Brenner und Schlagzeuger Jan Philipp Janzen schlagen neun Tracks lang eine Fährte durch das Referenzgewusel (siehe an dieser Stelle auch die Covercollage aus Fliesenkatalog, Retro-Serviervorschlag und Archäologielehrbuch), die beim Zuhören ein wohliges Gefühl von Mitgenommenwerden erzeugt - bei aller Verweigerung einer klaren musikalischen Kategorisierung der Band.
So rollt etwa der Opener Abacus mit Drum Machine und kleinen Schnörkeln in der Gitarre los und verweist schon im Titel auf eine Verwurzelung im mechanisch voranklickernden Motorik-Sound des Krautrock der ersten Generation. Sodann wird ein erster Haken geschlagen und der Track zu einem groovenden Jam mit zunehmend dichterem Sound, jaulenden Gitarren und dem bandtypischen Gesang aus kurzen Phrasen, der mitunter an 90er-Noiserock erinnert. Als nächstes Objekt am Wegesrand erscheint eine Waschmaschine, hier manifestiert in Form einer Schichtung breiter Synthiesounds, ausbrechender Drums, verzerrter Gitarren und einem in stakkatohaftem Husten endenden Gesang als rüttelnder und schüttelnder Trip in einen Kosmos aus sich verselbstständigender Maschinerie und wohltuender Umarmung des Unperfekten. So wandlungsfähig geht es weiter, mal in Form von leierndem Retrofuturismus (Fame & Fortune) mal als überraschend melodischer Akustikpop inklusive waldigem Blechbläsersolo (Jaki’s Love Time) und immer wieder in der Verwebung fein gearbeiteter rhythmischer Wiederholungen mit klanglichen Experimenten. Die Objects, Beings and Parrots bilden in diesem Strom vage Bilder, Orientierungs- und Haltepunkte, einerseits als wiedererkennbare Elemente aus Pop- und Kunstgeschichte, andererseits so flüchtig und abstrakt wie der gleichnamige Track.
Hörbar ist die entschleunigte Entstehungszeit des Albums: Nach einer längeren Schreibphase wurden die Stücke im MARS-Studio in der Abgeschiedenheit der Eifel in mehreren Sessions aufgenommen. Das Ergebnis ist eine so in sich geschlossene wie trippige Feier des Weitermachens, eine andauernde Bewegung, die das Innehalten nicht ausschließt und den gelegentlichen Blick in den Rückspiegel vorschlägt.
Die spannendste Newcomerband Kassels, MARILYN HARVEST, macht eine flächigen Indiepop / Dreampop-Mix mit stellenweiser Verneigung vor dem Chanson. Die 20-jährige Sängerin Nele hinterlässt seit Jahren in verschiedenen Konstellationen ihre Fußspuren in der Musikszene, ebenso wie Allround-Musiker Luca Hettling. Nun tun sie das gemeinsam mit ihrem neuen Projekt MARYLIN HARVEST und vereinen Melancholie und Weltschmerz mit einem beeindruckenden Ausdruck und einer Ausstrahlung sondergleichen. Die Songs sind direkte und unverklausulierte Transkription von Gefühlen direkt aus dem Herzen, die musikalisch einen zuweilen verträumten, zuweilen aber auch wütenden Klangteppich bilden. Die eigenwillige, rauchige Stimme bettet sich perfekt in ihre Kompositionen ein. Diese erinnern an eine Mischung aus Patty Smith und Lana Del Rey mit Einschlägen von Künstler*innen, wie Cocteau Twins oder Ätna. MARILYN HARVEST fügen sich nahtlos in diese Reihe ein. Thematisch geht es Frontfrau Nele vor allem darum Zwischen- und Grautöne offenzulegen und vor allem zu normalisieren. Durch ihre Texte sollen Zwischenräume zu normalen Räumen werden, so die Sängerin und Gitarristin über ihre hochgesteckten, gesellschaftlichen Ziele. Es gibt kein Anderssein, wenn alles normal ist. Und dasselbe schafft eben auch das musikalische Mastermind Luca in den Soundbildern. Erst 2022 starteten die Beiden das Projekt, vor allem, weil sie bereits vorher Fans voneinander waren und von Anfang an gab es ein blindes musikalisches Verständnis füreinander. Keine Aushandlungsprozesse, akustisch, wie optisch unique und aus einem Guss. Das zweite Konzert des Duos war direkt beim Kassler Kutlurzelt vor 400 Personen. Es folgten Supportshows, Auftritte beim Open Flair Festival und Studioaufenthalte. Dabei ist ein Erstlingswerk entstanden, das außergewöhnlich ausgeklügelt und vielschichtig ist. Ein Debut, was diesem Namen bereits vor Release schon entwachsen ist.
Foto links: Urlaub in Polen © Stefan Braunbarth
Foto rechts: Marilyn Harvest © Sylwester Pawliczek